Die Filme von Orson Welles erschaffen in oft verstörender Wucht eine
bestechend autonome Bilder-Welt. Es ist eine labyrinthische, aus den
Fugen geratene Alptraumwelt, gekennzeichnet durch Orientierungslosigkeit
und Destabilisierung, in der vor allem durch die Präsenz der verführerischen
wie zerstörerischen Kraft des Bösen eine klare Trennung zwischen Gut
und Böse nicht mehr funktioniert: Die scheinbar "Guten" werden ebenso
in Schuld verstrickt, wie sich im Bösen auch immer das Menschliche offenbart.
Eindeutige Urteile werden verweigert, vermeintlich gesicherte moralische
Werte ihrer Ambivalenz überführt.
"Faszination des Bösen" liefert in detaillierten Filmanalysen
einen umfassenden Überblick über Welles' Hollywood-Zeit, sowohl in künstlerischer
Hinsicht als auch in bezug auf seine Position innerhalb der amerikanischen
Filmindustrie, die entscheidend für den Torso-Charakter seines Werkes
verantwortlich ist. Welles' Filmästhetik (die komplexe audio-visuelle
Signatur, typische Grundmuster in Dramaturgie und Figurenkonzeption,
dominierende Themen und Motive, Manipulationen von Raum und Zeit etc.),
die jedem seiner Filme ihren unverwechselbaren Stempel aufdrückt, gerät
also ebenso ins Blickfeld wie seine spezifische Arbeitsweise, die von
Anfang an vom Selbstverständnis eines unabhängigen Filmemachers geprägt
ist. Autonome Regiepersönlichkeit contra Studiosystem: Welles war ein
Autorenfilmer, schon lange bevor dieser Begriff überhaupt erst aufkam.
