Das weit verbreitete Vorurteil, der Animationsfilm
sei stets gezeichnet, komisch und richte sich nur an Kinder, kann noch
um den Zusatz ergänzt werden, alle Filme stammten aus dem Hause Disney.
Es verwundert daher nicht, dass der deutsche Animationsfilm in der Filmgeschichtsschreibung
kaum Beachtung gefunden hat. Hinzu kommt noch eine allgemeine Unsicherheit
gegenüber dem Begriff "Animationsfilm".
Dieses Manko möchte die hier vorliegende Studie beseitigen. Gleich ob
Puppen- oder Zeichenfilm, Silhouetten- oder Sandtrick, es geht stets
darum, toten Gegenständen oder Bildern Leben einzuhauchen, sie zu beseelen.
Das Verständnis der unterschiedlichen Animationstechniken legt die Grundlage,
den historischen Werdegang der Kunstform Animationsfilm, in Deutschland
zu verfolgen. Der historische Abriss umfasst dabei den Zeitraum von
1909 bis 2001 und setzt sich mit über 100 Filmen auseinander. Konnte
Guido Seeber Anfang des Jahrhunderts sein Publikum noch mit einer "geheimnisvollen
Streichholzdose" in Erstaunen versetzen, verlor der Animationsfilm bereits
im ersten Weltkrieg seine Unschuld und wurde mit "John Bull" in
den Dienst der Kriegspropaganda gestellt. In den Zwanzigern wurde seine
Werbewirksamkeit entdeckt, während mit der "animierten Avantgarde"
zur gleichen Zeit eine reine Kunstform des Animationsfilms erstaunlich
breite Rezeption erfuhr.
Über die animierten Werbefilme Fischerkoesens als gezeichnete Zeugen
des Wirtschaftswunders der 50er Jahre, die experimentellen Kurzfilme
der 60er bis zum Versiegen des Genres in den 70er Jahren und seinem
Comeback in den 80er und 90er Jahren durchlebte der deutsche Animationsfilm
alle Phasen des 20. Jahrhunderts bis ihm im neuen Jahrtausend schließlich
eine breitere Akzeptanz zu zuvor nicht vorstellbaren Höhenflügen verhalf.
