Geprägt von zugleich religiös-pietistischen und aufgeklärt-menschenrechtlichen Gedanken seiner Zeit, formuliert Wagnitz weitgehende Reformvorschläge zur Verbesserung der Strafvollzugspraxis am Ende des 18. Jahrhunderts, die er aus seiner praktischen Tätigkeit als Zuchthaus-Prediger am Zucht- und Arbeitshaus zu Halle kennt. Neben einer gründlichen Beschreibung der deutschen Zuchthäuser macht er auf deren Mängel in Einrichtung, personeller Ausstattung, Zielsetzung und Methodik aufmerksam. Seine Gedanken wurden für den modernen Strafvollzug grundlegend. Er setzt sich erstmals für eine Individualbehandlung der Gefangenen während des Strafvollzugs ein, die als Ziel die "moralische Besserung" des Gefangenen hat. Wagnitz fordert erstmals die Beamtenausbildung und die Entlassenenfürsorge, die heute als selbstverständlich gelten. Als Strafvollzugsziel betrachtet er die gerade in letzter Zeit wieder in den Vordergrund tretende Resozialisierung des straffällig Gewordenen. Wagnitz vertritt ein für die damalige Zeit fortschrittliches Gedankengut, das für den gegenwärtigen Strafvollzug fundamental und aktuell ist.
