Die Studie geht der Frage nach, wie der Erwerb von Kausalwissen - das
Wissen über Ursachen, Effekte und Kausalrelationen - durch Lernvorgänge
beeinflusst wird. Die Theorie der Kausalmodelle sah bisher die Kausaleigenschaften
des Lernmaterials als bestimmend für die resultierende kognitive Repräsentation
des erworbenen Wissens an. Die Lernrichtung spielte praktisch keine
Rolle. Demgegenüber zeigt Ulf-Dietrich Reips, dass die Lernrichtung
sehr wohl großen Einfluss auf Wissen und seine Nutzung haben kann. Lernen
in Effekt-Ursache-Richtung (diagnostisches Lernen) hat andere Konsequenzen
als Lernen in Ursache-Effekt-Richtung (prädiktives Lernen). So macht
die Untersuchung deutlich, dass die Diagnostizität von Informationen
bei diagnostischem Lernen stärkere Berücksichtigung findet als bei prädiktivem
Lernen. Diagnostizität ist diejenige Eigenschaft einer Information,
die angibt, wie gut sie zwischen möglichen Zuständen der Welt zu unterscheiden
hilft. Für die Medizin etwa ist die Diagnostizität von Symptomen ein
entscheidendes Kriterium, um Krankheiten erkennen zu können: Ein hoch
diagnostisches Symptom deutet klar auf eine bestimmte Krankheit hin,
während ein niedrig diagnostisches Symptom wie Fieber wenig bei der
Unterscheidung von Krankheiten hilft. Für die medizinische Ausbildung
könnten die in dieser Studie dargestellten Erkenntnisse weitreichende
Folgen haben, da die heutigen Lehrbücher überwiegend nach prädiktiven
Prinzipien aufgebaut sind. Um der Bedeutung der Diagnostizität von Symptomen
gerecht zu werden, müsste sich die Ausbildung stärker dem Ziel widmen,
eine diagnostische Wissensstruktur aufzubauen.