Gut ein Jahrzehnt brauchten die Bolschewiki, um das Kino zu ihrem wichtigsten
Propaganda-Medium zu machen. Nach einer relativ liberalen Phase unmittelbar
nach der Oktoberrevolution und in den zwanziger Jahren ließ Stalin die
Filmindustrie ab 1929 verstaatlichen und von einer eigens eingerichteten
Behörde kontrollieren. Regisseure und Produzenten mussten sich den Vorgaben
von Funktionären unterordnen, die ihnen im direkten Auftrag Stalins
Unterhaltungsfilme für die Massen abverlangten. Die Sowjetbürger sollten
im Kino nicht nur finstere "Volksfeinde" sehen, die angeblich für
alle Missstände verantwortlich waren. Komödien und Musicals sollten
ihnen vielmehr das Gefühl vermitteln, dass es ihnen doch eigentlich
gut ging. Deshalb wurden die Leinwände mit glücklichen Traktorfahrern,
singenden Viehhirten oder politisierenden Näherinnen bevölkert. Die
meisten Filme hatten Gesangs- und Tanz-Einlagen, ein Happy End, eine
schöne Liebesgeschichte und immer häufiger Auftritte von 'Stalin selbst',
der von verschiedenen Schauspielern dargestellt wurde. Stalin mochte
die neuen Musical-Komödien. Dennoch setzte er die gesamte Führung der
Filmindustrie 1939 ab - offenbar, weil sie zu unabhängig agierte. Danach
regierte ein KGB-Offizier das Kino. Es dauerte Jahre, bis wieder so
fröhliche Filme gedreht wurden, wie in den Dreißigern. Musicals aus
dieser Zeit - wie "Die fröhlichen Gesellen" oder "Die reiche
Braut" - sind bis heute in Russland überaus populäre Klassiker, die
für Jahrzehnte stilbildend gewirkt haben.
