Vor dem Hintergrund der Ausdifferenzierung und Ausgestaltung des europäischen
Wissenschaftssystems und des Modells einer zeitweise autonom gedachten
Kunst und Literatur erscheint die Bezugnahme auf die Erfahrung des Fremden
in der europäischen Literatur als eine Art Probestück, anhand
dessen die vielfältigen Gestaltungs- und Verarbeitungsmöglichkeiten
der diversen Laboratorien der Moderne sich entwickeln, korrigieren und
reflektieren können.
Dieser Prozess der Selbstkonstitution durch die Bezugnahme auf die Erfahrungen
des Fremden wird in der vorliegenden Studie zunächst im Blick auf
die Geschichte der Wissensformen und ihrer (z.T. sozial-)wissenschaftlichen
Codifizierung - von der Lebensklugheit philosophischer Weltbetrachtung
im 16. und 17. Jahrhundert bis zur modernen Ethnologie und interkulturellen
Sozialwissenschaft - betrachtet. Vor dem Hintergrund der die europäische
Neuzeit konstituierenden epistemologischen Umbrüche und Entwicklungen
werden dann in konkreten Werkanalysen - u.a. Texte von Michel de Montaigne,
Georg Forster, Goethe, Gérard de Nerval, Robert James Fletcher,
Michel Leiris, Claude Lévi-Strauss und Elias Canetti - die Möglichkeiten
erkundet, in welchem Maße literarische Texte bei der Verfestigung
bestimmter Vorstellungen des "Fremden" (Stereotypenbildung)
mitwirken und in welchem Sinne sie deren kritische Reflexion und Auflösung
befördern und inszenieren können.
In der Leitdifferenz "einfacher" und "reflexiver"
Konstruktion des Fremden bietet das Buch damit einen Maßstab und
eine Diskussionsgrundlage für Fragestellungen, die alle vergleichenden
und interkulturell arbeitenden Wissenschaften betreffen, und verbindet
damit traditionell komparatistisches Arbeiten mit aktuell diskutierten
kulturwissenschaftlichen Ansätzen.
