Eine Afrikanerin blickt nach Europa, ein Europäer reist durch Afrika.
Eine Frau betrachtet einen Mann, ein Mann beobachtet eine Frau: Fremde
Kultur - fremdes Geschlecht. Friedrike Mayer untersucht die literarische
Verarbeitung unterschiedlicher Erfahrungen fremder Kultur in frankophonen
Romanen. Dabei wird der Aspekt der kulturellen Fremdheit und der Aspekt
der Fremdheit der Geschlechter zunächst unabhängig voneinander untersucht.
Ausgehend von dem Diskurs der ausgeschlossenen 'Laien' und Frauen des
18. Jahrhunderts, sucht Mayer nach den semantischen und auch ästhetischen
Bedeutungen dieser Fremderfahrungen. Der Bezug zwischen beiden Aspekten
liegt in dem theoretischen Verständnis von Fremde als Begriff. In diesem
Sinn ist Fremde lediglich in zwei- oder mehrwertigen Beziehungen zu
realisieren. Sie steht in Wechselwirkung mit dem eigenen Ich in seinem
gesamten Umfang, den persönlichen Erfahrungen und Erwartungen und wirkt
gleichzeitig auf das Ich zurück. Mayer entgeht hier, in der Analyse
der Fremderfahrung der Geschlechter, der Reduzierung des weiblichen
Geschlechts auf das Schwächere gerade durch die jeweils eigene (Lebens-)Geschichte.
In den Werken der behandelten Autoren, wie Le Clézio und Duras, taucht
die kulturelle Fremdheit immer wieder auf. Bei Le Clézio ist die Suche
nach Mythos und Tradition Leitmotiv, bei Duras sind es die eigenen Erfahrungen
im damaligen Indochina. Diesen Autoren sind zwei afrikanische Schriftsteller
entgegengesetzt, die kulturelle Fremdheit zum größten Teil durch Besetzung
des eigenen Landes, unter Kolonialherrschaft und - in diesem Zusammenhang
- durch Immigration, erfahren haben. Der Aspekt der Geschlechterfremdheit
ist wieder bei Duras thematisiert, mit Beschränkung auf den sexuellen
Gegensatz, die Zu- und Abneigung zwischen Mann und Frau. In Tahar Ben
Jellauns Romanen wird die Fremdheit der Geschlechter in einer Person
verdeutlicht: einem marokkanischen Mädchen, das von der Familie als
Junge ausgegeben wird. Thema ist hier die innere Zerrissenheit des Mädchens.
Die Auswahl dieser Romane, die gerade beide Aspekte berücksichtigen,
dient Mayer als Ausgangspunkt für Betrachtungen von der Geschlechterfremdheit
zurück zur kulturellen Fremdheit.
