Spiegelungen des Altertums sind diese Abhandlungen - Standpunkte sehr
verschiedener Arten werden eingenommen, so dass ein facettenreiches
Bild vom Nachleben der Antike entsteht. Carel van Mander, der das Leben
der niederländischen Maler beschrieb - und ein Kunsthistoriker war -
benutzte für die Kunst der 'Alten' wie Vasari und Winckelmann die gleichen
Quellen, die auch Schopenhauer verwendete, obgleich er sein Erlebnis
griechischer Kunst in sein philosophisches System integrieren musste.
Allerdings ging er als Kantianer mit den antiken Autoren, namentlich
mit Platon, sehr kritisch um, sofern sie die Unsterblichkeit der Seele
behauptet hatten. Sokrates gewann in Malerei und Literatur des 18. Jahrhunderts,
gipfelnd in Jacques-Louis Davids Gemälde "Der sterbende Sokrates",
epochale Bedeutung, denn sokratisches Wesen entsprach der Aufklärung
Voltaires und Diderots, aber auch der sich vom Christentum befreienden
Tugend - bis zur Revolution von 1789. Anderen Charakter hat Wilhelm
von Humboldts Erlebnis der 'Ewigen Stadt', weil es seine Idee begünstigte,
Rom als Vermittlerin griechischen Geistes wahrzunehmen. Aus seinem Briefwechsel
mit Goethe und Schiller gewinnen wir Rom zurück, das noch das Antlitz
der Antike trägt. Mistra, die Stadt am Taygetos, war eine Vielvölkerstadt,
deren Leben geschildert wird. Hölderlin im Hyperion und Goethe im Faust
(II, Akt 3) verwandelten dies neue Sparta in ein Symbol und gewährten
mit ihrem dichterischen Werk der revolutionären, aber auch der poetischen
Freiheit bleibende Gegenwart. Sind Hyperion und Euphorion vielleicht
doch Brüder im Geiste?
Wolfgang von Löhneysen schrieb auch das Gardez!-Buch
"Im Blickfeld: Goethe und Schopenhauer"
