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Es ist das Jahr 1919, im Zuge der russischen Revolution liefern sich auf
dem Gebiet der Ukraine deutsche und österreichische Besatzungsarmeen,
ukrainische Nationalisten, anarchistische Bauernverbände und die Weißen
und Roten Armeen erbitterte Kämpfe. Die dort lebenden Juden sehen sich
als Sündenbock Anschuldigungen von allen Seiten und fürchterlichen Pogromen
ausgesetzt. In diesen historischen Kontext ist Lieblichs Novelle eingebettet,
wobei Geschichte gewissermaßen "von unten" erzählt wird. Lebensnah wirken
Chajm Ginzburg, sein Sohn Michael oder dessen Geliebte Ludmilla Helfmann
und ihre Liebesgeschichte. Lebendig wird die dunkle Mystik des jüdischen
Glaubens. Lieblichs Text ergreift uns, unerbittlich jagen sich die Sätze,
die die furchtbaren Ereignisse von damals einfangen.
Karl Lieblich, galizischer Abstammung, als Jude 1895 in Stuttgart geboren,
1984 dort gestorben, entfaltete seine vielseitige Persönlichkeit u.a.
als Rechtsanwalt, Geschäftsmann, Journalist, Denker und Dichter. Seine
ersten Gedichte und Novellen wurden von Bertolt Brecht und Thomas Mann
anerkennend gelobt. Mit Vorträgen und Essays beteiligte er sich an der
Debatte um das jüdische Selbstverständnis im Deutschland der frühen dreißiger
Jahre. Doch dann zwang ihn der Nationalsozialismus 1937 ins brasilianische
Exil, aus dem er zwar 1959 nach Deutschland zurückkehrte, von dem er sich
aber nie schriftstellerisch erholen konnte. Angeregt durch den Pariser
Gerichtsprozess, in dem Samuel Schwarzbart angeklagt wurde, Simon Petljura
als Hauptverantwortlichen für die Judenpogrome nach dem Ersten Weltkrieg
in der Ukraine erschossen zu haben, schrieb Lieblich 1927-28 "Rausch
und Finsternis" nieder. Damals fand die Novelle keinen Verlag mehr
und erscheint hier zum ersten Mal.
Zum
Herausgeber Reinhard Andress

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