"In jeder Grenzsituation wird mir gleichsam der Boden unter den
Füßen weggezogen. Ich kann das Sein als Dasein nicht greifen in bestehender
Festigkeit."
So definiert der Philosoph Karl Jaspers die Grenzsituation als Signatur
einer jeden menschlichen Existenz. Es geht in dem vorliegenden Band
um die Analyse der Darstellung von existenziellen Momenten in der Schauspielkunst
im Film - und um die Frage, ob gerade im Spiel von Grenzsituationen
eine Verschmelzung von Leben und Film sich ereignet oder überhaupt möglich
ist. Radikaler formuliert: Können Filme solche Grenzsituationen dem
Rezipienten erfahrbar machen?
Ohne Zweifel bedienen sich Filme aller Genres dramaturgisch und ästhetisch
solcher Grenzsituationen. Ihre Darstellung durch Schauspieler ist dabei
häufig sozial motiviert: eine Grenzsituation entsteht aus bestimmten
Gründen. Soziale Determinanten lassen eine Liebe scheitern, Kriege konfrontieren
den Menschen mit unermesslichem Grauen, eine Krankheit kann eine soziale
Existenz vernichten. Wenn die Krisis jedoch ihren Höhepunkt erreicht
und den ganzen Körper erfasst, dann scheint vom Individuum an der Grenze
alles Soziale abzufallen, und es zeigt sich der nackte Mensch.
Wie können Schauspieler dergleichen darstellen? Kann der Körper tatsächlich
zum Schauplatz einer solchen Krisis werden, ohne dass der Schauspieler
sie wirklich erlebt, sondern spielt?
Der Band versammelt elf Studien zu Phänomenen der Grenzsituation im
Film: zu der spezifischen Arbeit von Regisseuren mit Schauspielern,
wenn es um die Darstellung von Grenzsituationen geht, und zu einzelnen
Darstellungen.
Im Mittelpunkt der Analysen stehen Filme wie DAS PIANO, GLADIATOR, 1900,
HANA BI, BROTHER, TOKYO DEKADENZ, SZENEN EINER EHE, PERFORMANCE, DER
DIENER, BERLIN ALEXANDERPLATZ, POSSESSION, DIE NACHT IST JUNG, DER FREMDENLEGIONÄR
und LOVERS. Das Spiel der Darsteller Isabelle Adjani, Takeshi Kitano,
James Fox, Sophie Marceau, Russell Crowe, Denis Lavant, Élodie Bouchez,
Liv Ullmann, Erland Josephson, Monica Vitti u.a. wird eingehend betrachtet.
Die Herausgeber Bernd Kiefer und Marcus Stiglegger lehren Filmwissenschaft
an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und haben zahlreiche Beiträge
zu Filmgeschichte und Filmästhetik veröffentlicht.
Zum Herausgeber Marcus Stiglegger
Marcus Stiglegger ist auch Autor des Gardez!-Bandes
"Sadiconazista. Faschismus
und Sexualität im Film"
Außerdem ist er Herausgeber des Bandes
"Kino der Extreme. Kulturanalytische
Studien"
