Ausgehend von Widersprüchen in der bisher hauptsächlich sozialkritisch
orientierten Naturalismus-Forschung, geht es um eine Neubestimmung der
Epoche von 1880 bis 1920. Unter Zuhilfenahme von Thomas S. Kuhns Paradigmenbegriff
wird versucht, die weltanschaulich prägende Kraft von Charles Darwins
Evolutionstheorie in der maßgeblich von Ernst Haeckel popularisierten
Form darzustellen. Die Auswirkungen des darwinistisch-evolutionären
Paradigmenwechsels auf die Literatur werden am Beispiel Julius Harts
nachgewiesen. Evolutionäre Bilder des Fließens, Strömens und Wachsens
und eine fruchtbarkeitsbetonte Lichtmetaphorik sind für das Gesamtwerk
Harts konstitutiv. Über die Gattungs- und Epochengrenzen hinweg bleibt
das darwin-haeckelsche Paradigma einer evolutionistischen und monistischen
Naturbetrachtung bestimmende Grundlage der theoretischen, dichterischen
und lebensreformerischen Aktivitäten Julius Harts.
Die am Einzelbeispiel gewonnenen Erkenntnisse verallgemeinernd, kann
der Darwinismus als wesentlicher Bestimmungsfaktor für Dichtung und
Weltanschauung um die Jahrhundertwende ausgemacht werden. Dabei kommt
es auch zu einer Neubestimmung des Naturalismusbegriffs. Aus der Perspektive
einer darwinistischen Naturbetrachtung stellt sich die Zeit von 1880
bis 1920 als Einheit dar, in die Sozialkritik, Naturwissenschaft und
Naturmystik integriert werden können. Gleichzeitig bietet die Arbeit
die bisher vollständigste Dokumentation der Hartschen Reformsiedlung
"Die Neue Gemeinschaft" und des Nachlasses von Julius Hart. Bisher nicht
veröffentlichtes Quellenmaterial, vor allem aus dem Hart-Nachlass der
Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, wird erschlossen.
