Nietzsches Wort vom "Heimweh ohne Heim" macht in einer zeitlos
gültigen Art die utopische und ekstatische Verfassung des Menschen
und ihre Ambivalenz deutlich. Alle Versuche, der Heimatlosigkeit auf
lebensweltlicher oder geistiger Ebene doch eine Heimat anzubieten, erscheinen
vor diesem Hintergrund als fragwürdig und ideologieverdächtig.
Im Gegensatz zu Blochs "Prinzip Hoffnung" bleibt Utopie immer
utopisch und Ekstase immer offen. Damit ist keineswegs eine "Hölle"
der Existenz eröffnet, sondern vielmehr die Tiefe und das Geheimnis
des Lebens und Seins, vor dem im Gegenteil jede "konkrete Utopie"
zur Hölle und zum nackten Grauen wird.
Diese Grundtatsache der utopischen und ekstatischen Existenz wird vor
allem anhand von Texten aus der Psychiatrie und medizinischen Anthropologie
nachgewiesen. Gemeinsam mit Texten der philosophischen Anthropologie,
besonders bei Gehlen, zeigen sie die Ortlosigkeit zwar als Gefahr, aber
auch als Bedingung der Existenz. In der Ausrichtung auf das Ungelebte
und Utopische wird das Leben vom Einzelnen sowohl zum Heil als auch
zum Unheil gestaltet. Hier verbinden sich die anthropologischen Überlegungen
mit Aussagen der Mystik, der Religionsphilosophie und Existenzphilosophie.
Zum Autor
Stephan Grätzel ist auch Mitherausgeber des Gardez!-Bandes
"Spiritualität im Europa
des Mittelalters"
