Unser Indienbild unterliegt derzeit tiefgreifenden Wandlungen. Die Vorstellung
eines Landes besonderer Religiosität und Spiritualität, wie sie von
der Romantik über Hermann Hesse bis zur Bhagwan-Bewegung der 1970er
und 80er Jahre das westliche Indienbild geprägt hat, beginnt ebenso
zu verblassen wie die scheinbar ganz andere Vorstellung von einem Dritte-Welt-Land
und Armenhaus mit entsetzlichen Lebensbedingungen, wie sie vor wenigen
Jahrzehnten noch die Indienbeschreibungen eines Günter Grass beherrschte.
Tatsächlich hat das einstige Entwicklungsland mittlerweile in vielen
Bereichen Anschluss an die Entwicklungen des Westens gefunden. Das zeigt
sich nicht nur auf dem Feld der Computertechnologie, sondern auch in
vielen anderen Bereichen, nicht zuletzt dem der Kultur. Filme aus Bollywood
haben die westlichen Kinosäle erobert, und die Bücher zahlreicher anglo-indischer
Autoren wie Salman Rushdie, Amitav Ghosh oder Arundhati Roy finden Zuspruch
gerade auch bei einem europäischen oder nordamerikanischen Publikum.
Die radikale Fremdheit Indiens - hervorstechendes Kennzeichen in so
vielen älteren Reiseberichten - hat im Zuge der Globalisierung zu verschwinden
begonnen.
Vor diesem Hintergrund unternimmt der vorliegende Band eine historische
Rückschau und zugleich eine aktualisierende Bezugnahme. Welche Vorstellungen
von Indien hat die europäische Literatur seit dem Mittelalter entwickelt?
Welche der älteren Indienbilder sind auch unter dem Eindruck gegenwärtiger
Entwicklungen noch aktuell? Welche neuen Bilder kommen hinzu? Welche
Rolle spielten und spielen diese Bilder für die Diskurse des Kolonialismus
und Postkolonialismus? Und schließlich: Welche Bedeutung kommt ihnen
für das Projekt einer interkulturellen Hermeneutik zu?
Der Band geht diesen Fragen in Einzelstudien zu Autoren der deutschen,
italienischen, französischen und englischen Literatur vom Mittelalter
bis in die Gegenwart nach.
Beiträge von: Daniel Cyranka, Gita Dharampal-Frick, Winfried Eckel, Jörg Esleben, Detlef Goller, Carola Hilmes, Susanne Kleinert, Ursula Kocher, Heike Link, Christine Maillard, Shaswati Mazumdar, Werner Nell, Rekha Kamath Rajan, Wolfgang Riedel, Ernst Stöckmann, Carmen Ulrich und Thomas Wägenbaur.
Der Mit-Herausgeber Werner Nell ist auch Autor des Bandes
"Reflexionen und Konstruktionen des Fremden
in der europäischen Literatur"
