"Verstehst du auch, was du liest?" fragt Philippus in der Apostelgeschichte
einen Beamten der Königin von Äthiopien, als er sieht, wie dieser Texte
des Propheten Jesaja liest. In dieser Schlüsselszene formuliert Philippus
die zentrale Fragestellung für ein im dichterischen Werk verankertes
produktives Lesen, das zu veränderndem Erkennen und Handeln anzuregen
vermag. Die vorliegende Studie verknüpft das ideologie- und strukturtheoretische
Denken Louis Althussers in Verbindung mit seinen Kunstbetrachtungen
zu einer schlüssigen Theorie kritischen Lesens. Die von Althusser entwickelten
Vorstellungen einer "symptomatischen Lektüre" gehen davon aus, dass
sich in den textuellen Strukturen "Indizien von Abwesenheit" wahrnehmen
lassen, so dass der Rezipient über die spontane Lektüre eines Wiedererkennens
seiner Wirklichkeit hinaus zum Bewusstsein der ideologischen Bedingtheit
von Wahrnehmung und Handeln gelangt. Als "Lese-Utopie" wird im Anschluss
an das Denken Althussers die kritische Lesart entwickelt, die sich über
die Wahrnehmung der textstrukturellen Verankerung von Widersprüchen,
Lücken und Brüchen, die Einfallstore für eine kritisch-utopische Reflexion
produzieren können, beschreiben lässt. Das im Anschluss an die strukturale
Semantik von Algirdas Julien Greimas entwickelte Textanalyseverfahren
führt die Theorie kritischen Lesens in eine literaturwissenschaftliche
Analysepraxis über, die sich in der Untersuchung verschiedener Texte
bewährt. Neben der literaturtheoretischen Entdeckung Althusserscher
Denkfiguren im Kontext der jüngsten Althusser-Forschung und der Formulierung
einer fruchtbaren Lesetheorie leistet der vorliegende Band eigenständige
Forschungsbeiträge zu strittigen Einzelfragen der behandelten literarischen
Texte.
Benedikt Descourvières ist auch Autor der Gardez!-Bände
"premiere. ambition und entertainment
im musical"
"Kriegs-Schnitte"
Außerdem ist er Mitherausgeber des Bandes
"Unverdaute Fragezeichen"
