Die nicht fiktionale Prosa Wolfgang Koeppens macht einen wesentlichen
Teil seines Werkes aus, wird von der Forschung jedoch wenig zur Kenntnis
genommen. Die vorliegende Studie versteht sich als Prolegomena für künftige
Untersuchungen zu Koeppens essayistischem Werk. Unter Betrachtung der
divergierenden Forschungsergebnisse zum Gattungsbegriff "Essay" als
ein Genre zwischen sprachlicher Zweckform und Literatur ist es Ziel,
ein offenes Essayverständnis aus den Texten Koeppens zu entwickeln.
Wie Koeppen sich der ästhetischen Mittel bedient, die die Essayistik
bereithält, und wie er ihr eine neue Schreibweise der Moderne, in deren
Tradition er sich sieht, abgewinnt, ist ebenso Thema wie sein dichterisches
Selbstverständnis. Obwohl Koeppen sich als Vertreter eines radikalen
Ideologieverdachts sieht, bleibt er einem ideologischen Ich-Ideal verhaftet,
kann er vom Idealismus des warnenden Aufklärers nicht lassen. Ausgehend
von der These, dass Koeppen zwar auf Rettung des Subjekts zielt, seine
Prosa jedoch eine Struktur der Dezentralisierung des Ichs aufweist,
wird an Hand einer Sprachanalyse gezeigt, wie auch auf der sprachlich-stilistischen
Ebene das aufklärerische Konzept seiner Subjektkonstitution konterkariert
wird. Hierfür werden Ergebnisse der strukturalistischen und poststrukturalistischen
Literaturwissenschaft herangezogen und auf ihre Kompatibilität mit Koeppens
essayistischer Schreibweise hin überprüft.