Dieses Buch setzt auf die Überschreitung. Entgegen literaturtheoretischer
Konzepte der Moderne und Postmoderne steht es, mit George Steiner, für
die reale Gegenwart der Andersheit, die in künstlerischem Schaffen einen
kunstexternen Sinn bejaht. In der Selbstbefragung und Selbsterfahrung
des Dichters während seiner schöpferischen Arbeit kann die ontologische
Dringlichkeit sichtbar werden, das Andere, Fremde einer vorgefundenen
Welt in den lichterfüllten Hinterhalt von Darstellung und Verstehen
zu ziehen (Steiner).
Im Zentrum des Interesses steht dabei das Wesen der Inspiration, die
zum Augenblick komprimierte Epiphanie des Sprachkunstwerkes, die den
Dichter-Bildner zum Empfangenden eines Ausdrucks von Bedeutungen werden
lässt, deren Sinn ihn übersteigen. Sie kennzeichnet den großen unabschließbaren
Antagonismus einer Bewegung zwischen Autonomie und Abhängigkeit als
Wesenszug der conditio des schöpferischen Geschöpfes Mensch. Dichten
erhält vor diesem Hintergrund den Stellenwert einer gegenschöpferischen
Reaktualisierung von Welt. In ihr schwingt die Vorstellung vom Menschen
als Bild Gottes mit. Die unter diesem Blickwinkel zu bejahende daseinstiftende
Dignität künstlerischen Schaffens begründet zudem dessen ethische Konsistenz.
Dargestellt wird der Ansatz der Kunst als Gegenschöpfung im Rahmen des
strukturellen Vergleiches der beiden bedeutenden Dichterpersönlichkeiten
des 20. Jahrhunderts, René Char und Peter Huchel. Dass das Erscheinen
dieses Buches mit dem 100. Geburtstag Peter Huchels zusammenfällt, mag
zudem als würdigende Verneigung vor dem metaphysisch ernsten Werk des
Dichters gelten.
