Nachdem in der Julimonarchie und dem Zweiten Kaiserreich bereits Grundsteine
für die Expansion gelegt worden waren, betrieb vor allem die Dritte
Republik eine engagierte Kolonialpolitik in Afrika und Ostasien. Zehn
Jahre nach der Gründung der Republik illustriert die Errichtung des
Protektorats in Tunesien die Entschlossenheit, ein neues französisches
Kolonialimperium entstehen zu lassen.
Dieses Expansionsstreben hatte verschiedene Dimensionen: Aus außenpolitischer
Sicht galt es, sich in der Konkurrenz der expandierenden Großmächte
zu behaupten und sich bei der Aufteilung Afrikas beispielsweise entsprechende
Anteile zu sichern. Neue Außenhandelsmöglichkeiten versprachen zudem
wirtschaftlichen Profit. Für die Innenpolitik erhoffte man sich von
der kolonialen Expansion einen stabilisierenden Effekt, denn die gemeinsame
Herausforderung sollte die Nation einigen, ihr und ihrer Armee nach
der Niederlage von 1871 wieder Selbstbewusstsein und Stärke vermitteln.
Eine besondere Dimension der Kolonialpolitik der Dritten Republik bestand
jedoch in der Überzeugung, mit der Expansion und der Verbreitung der
eigenen Kultur einen zivilisatorischen Auftrag zu erfüllen. Hierbei
verband sich das kulturelle Selbstbewusstsein Frankreichs mit positivistischer
Wissenschaftsgläubigkeit und sozialdarwinistischen Denkansätzen. Die
zivilisatorische Legitimation dominierte alle anderen Aspekte, die zur
Rechtfertigung der Kolonisation dienten, und schaffte in allen gesellschaftlichen
Bereichen ein positives Bewusstsein hinsichtlich der Kolonisation. So
entstand ein kolonialistischer Diskurs, der sich in vielfältigen Textsorten
niederschlug und die Wahrnehmung der kolonialen Expansion prägte.
Um seine Entstehung und Wirkungsweise nachvollziehen zu können, wird
in der vorliegenden Untersuchung ein breites Korpus analysiert, das
sowohl wissenschaftliche, politische, journalistische und didaktische
als auch fiktionale Texte umfasst. Im Mittelpunkt des Interesses stehen
hierbei die Kolonialromane französischer Autoren aus dem Zeitraum zwischen
1870 und 1914. Allerdings werden sie erstmals nicht als Teil der zeitgenössischen
Literatur, sondern als Teil eben jenes kolonialistischen Diskurses betrachtet,
dem sich auch die Literaten nicht entziehen konnten.
