In den 1950er Jahren erfand João Gilberto den Bossa
Nova, die passende Musik zum Strandgefühl der Jungen und Schönen an
der Copacabana. Doch unter der schönen Oberfläche der auch in Brasilien
in Mode gekommenen Nierentische, Motorroller, Pferdeschwänze und Elvislocken
der 1950er Jahre brodelte es vor allem in den Großstädten außerhalb
der politischen und wirtschaftlichen Achse der Macht, die Rio de Janeiro
und São Paulo verband. Selbst der VW-Käfer, Frucht der ersten inländischen
Autoindustrie, konnte trotz des Optimismus gegenüber dem in eine rosige
Zukunft weisenden wirtschaftlichen Aufschwung nicht über die sozialen
Probleme hinwegtäuschen.
Die Regisseure des Cinema Novo setzten genau hier an: Sie stellten die
gesellschaftlichen Konflikte dar und entwarfen gleichzeitig eine neue
filmische Ästhetik. Welche Verbindungen bestehen zwischen dem neuen
brasilianischen Film und der Entwicklungspolitik der Regierungen unter
Kubitschek und Goulart in dem Zeitraum von 1956 bis 1964? Mit welchen
kulturpolitischen und künstlerischen Ideen versuchten die Vertreter
der Avantgarde, in diesem Zeitraum gesellschaftliche und politische
Veränderungen zu bewirken?
Diese Fragen führen zurück auf die Ursprünge des Cinema Novo im Jahre
1954, die in der Filmkritik zu suchen sind, erfordern die Berücksichtigung
der Filme, bieten Erkenntnisse über kultur- und entwicklungspolitische
Debatten und eröffnen darüber hinaus Einsichten in das Geschichtsverständnis
der künstlerisch-politischen Avantgarde.
