Felix Lothar
Angst und Schrecken in Sankt Jakobus

Martin Nord liebte seine ausgiebigen Spaziergänge, besonders die, die ihn über die landwirtschaftlichen Wege entlang dem Bauernhof Burg Niederpleis führten, denn dort hatte er die beiden geographischen Eckpunkte im Blick, an denen sich seine Augen immer wieder erfreuten: Auf der einen Seite der Siegburger Michaelsberg mit seinem Benediktinerkloster, auf der anderen Seite der Große Ölberg, die höchste Erhebung des Siebengebirges.
Während es ihm gewöhnlich bei diesen Wanderungen gelang, die Ärgernisse und Sorgen des Alltags von sich abzuschütteln, wollte sich heute das Gewitter in seinem Kopf nicht verziehen. Zu sehr hatte er sich über seinen Küster geärgert. Dieser Albertshagen war ein labiler Alkoholiker, der sich auf perfide Weise des Pfarrers Schweigen zu seinen gelegentlichen Exzessen gesichert hatte: indem er ihm nämlich alle seine Schandtaten beichtete. Doch diesmal war er zu weit gegangen, Martin Nord wollte endlich handeln.
Der Pfarrer stapfte weiter, achtete nicht auf die glitzernden Wasser des Pleisbaches, die ihrer Vereinigung mit dem Fluss Sieg entgegentrieben, achtete nicht auf den deichartigen Damm der längst verblichenen Rhein-Sieg-Eisenbahn, sondern stapfte einfach nur blindlings weiter.
"Das Beichtgeheimnis muss auf alle Fälle gewahrt werden", hämmerte es in seinem Schädel.
Vielleicht würde ihn ein leckeres Essen besänftigen, dachte er sich schließlich und wollte schon nach links auf einen schmalen Pfad abbiegen, der entlang der Spargelhügel verlief. Doch dieser Weg war nach den langen Regenfällen der letzten Tage zu matschig, weshalb der Pfarrer lieber die "Pleistalstraße" überquerte und den asphaltierten Fahrradweg Richtung Schmerbroich benutzte. Dort kam ihm der ehemalige Bundesaußenminister Klaus Kinkel auf dem Fahrrad entgegen und grüßte freundlich. Martin Nord erinnerte sich ein wenig wehmütig daran, dass man zu den Zeiten der Bonner Republik selbst den Bundespräsidenten beim Spazierengehen im Siebengebirge treffen konnte. Solch ein volksnaher Auftritt war dem sowjetischen Politiker Leonid Breschnew in den 70er-Jahren bei seinem Besuch auf dem Petersberg nicht vergönnt. Breschnew nutzte aber immerhin die serpentinenartige Straße als Teststrecke für sein Gastgeschenk der deutschen Bundesregierung: einen nagelneuen S-Klasse-Mercedes - den er auch prompt nach wenigen Metern Fahrt in den Zustand eines Totalschadens überführte. Etliche Jahre später passierte dann selbiges mit dem von ihm einst gelenkten Imperium.
"Dem Papst sei Dank", sagte Nord laut vor sich hin, bevor er erneut die Pleistalstraße überquerte und sich auf den Weg zur Niederpleiser Mühle machte, in der sich mittlerweile unter anderem ein respektables Restaurant sowie eine Außenstelle der bürgerlichen Konkurrenz, sprich des städtischen Standesamtes, befand. Früher, als der Gebäudekomplex noch einer grundlegenden Renovierung entgegensah, hatte er regelmäßig die alte Frau besucht, die dort seit dem Tod ihres Mannes alleine in dem Haupthaus lebte. Sie sprachen gerne über den Wandel in der örtlichen Landwirtschaft: Von den einst zahlreichen Bauern war nur noch zwei aktiv, und einer davon hatte konsequent von der Vieh- und Getreidewirtschaft auf die selbstvermarktbare Produkttrias Spargel - Erdbeeren - Weihnachtsbäume umgestellt.
Kein Bedarf also mehr an Müllern. Aber die alte Dame besaß ja noch ihre vergilbten Fotos, die ihre Mühle im vollen Betrieb zeigten. Dort beispielsweise, wo jetzt weiße Kieselsteine den Boden des Parkplatzes bedeckten, befand sich einst ein Teich mit einer Insel in der Mitte, auf der eine Trauerweide wuchs.
"Aber wo war eigentlich das große Steinkreuz, das Frau Willms als Andenken an ihren Mann vor der Einfahrt hatte aufstellen lassen?", fragte sich der Pfarrer. Scheinbar verschwunden, er konnte es jedenfalls nirgends entdecken, als er sich im Hof umschaute.
"Traurig ist so etwas, wo bleibt der Respekt vor den Toten", brummte er beim Eintreten in das Lokal vor sich hin, wurde aber rasch abgelenkt, als ihn die Patronin herzlich begrüßte. Das gute Essen und der feinnervige Riesling von der Ruwer (1996 Kaseler Nies'chen Riesling Spätlese -7- vom Weingut Erben von Beulwitz, Mertesdorf; "Feinheftiger Aprikosenduft, herzhafte Fülle, beste Balance von Süße und Säure, nachhaltig" würde er später als Verkostungsnotiz im Gault Millau WeinGuide Deutschland nachlesen) munterten ihn auf, sodass er bald wieder guter Dinge schien. Doch als die Dame des Hauses nebenbei erwähnte, dass bereits sie Kindergartenkind bei Frau Klein gewesen sei, sagte Martin Nord nur laut: "Hören Sie mir bloß mit der Kindergartenleiterin auf", und das Gewitter in seinem Kopf war wieder da.

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