Kapitel "Das Recht auf Schönheit":
332 "Academias de Ginástica" verzeichnet das Telefonbuch
von Rio de Janeiro, die Vorstädte, in denen noch einmal sechs Millionen
Menschen hausen, nicht mitgezählt; und außer Acht gelassen
alle Schwitzkasernen, die bloß über ein paar Hanteln, aber
kein Telefon verfügen.
Kann es denn sein, dass die Cariocas sich Sorgen um ihre Gesundheit
machen? Dann aber ist es unverständlich, dass an jedem Sommer-Wochenende
Millionen Bürger der Metropole ihre Haut dem Ozonloch im Himmel,
den Flöhen im Sand und den Fäkalien im Meer aussetzen; dass
Generationen von ABC-Schützen unter Asbestdächern das kleine
Einmaleins erlernen; dass die Brasilianer die berühmt-berüchtigte
Feijoada (fettes Schweinefleisch mit schwarzen Bohnen) als ihr Nationalgericht
ehren - eine Kalorienbombe, die samstags gereicht wird, weil der Körper
ein Wochenende braucht, um sich mit Hilfe von reichlich Zuckerrohrschnaps
davon zu erholen.
Nein, gesundheitsbewusst kann man die Brasilianer nicht nennen. Sie
ignorieren Kohlenmonoxid, Pollenflug und Hundekot, sie missachten die
Bachblütentherapie wie die gute alte Kneippkur; Wandervögel
und Birkenstock-Sandalen sind in Rio so gut wie unbekannt. Statt dessen
traben die Cariocas barfuß durch den versifften Strand, süffeln
Mokka halbe-halbe (Tasse halb voll mit Zucker), verschmähen Rohkost
und frische Salate - aber kippen literweise eiskaltes Bier hinunter,
was bekanntlich Magenkrebs verursacht. Und sind dabei noch gut drauf!
Sportskanonen - die Brasilianer? Lassen wir einmal den Fußball,
die Formel 1 und den Strand-Volleyball außer Acht. Seit der Olympiade
von Athen, 1906, haben sie gerade mal 12 Gold-, 13 Silber- und 29 Bronzemedaillen
heimgeholt. Das ist nicht der Rede wert für eine solch große
Nation.
Warum also das lemminghafte Abrackern mit den Folterinstrumenten aus
der Fitness-Asservatenkammer? Selbst unter freiem Himmel und vor aller
Augen! Warum die Yoga-Kurse, wenn die Sonne kaum aus ihrem Bett gestiegen
ist? Wollen die Brasilianer "hart wie Kruppstahl, schnell wie die
Windhunde und zäh wie Leder" sein, wie es weiland der "Führer"
von der deutschen Jugend forderte und wie es dem Knigge des Turbokapitalismus
entspricht?
Wohl kaum. Zwar gab es einmal einen jungen, dynamischen Präsidenten,
der mit "einem Karateschlag" die Inflation beseitigen wollte,
der jedes Wochenende fernsehwirksam und verbissen um den Stausee von
Brasília trabte. Doch sein Ende war schmählich, Fernando
Collor wurde 1992 wegen Korruption und Vetternwirtschaft abgesetzt.
Das Karate-Modell war gescheitert. Wellness und Fitness: Was die Brasilianer
darunter verstehen, hat mit den amerikanischen Begriffen so wenig zu
tun wie eine Peepshow mit unverklemmter Sinnlichkeit. Mal abgesehen
davon, dass die Worte komisch klingen: Wellness und Fitness. "Boa
forma", gute Figur, und "Malhação", also
den Körper durchkneten, das versteht man schon eher.
Südlich des Äquators gibt es keine Sünde? "Jedenfalls
haben die Menschen hier ein ganz anderes Verhältnis zum Körper",
meint der prominente Schönheitschirurg Yvo Pitanguy. Warum sollten
sie sich unter dicken Stoffschichten verstecken, wenn die Sonne heiß
vom Himmel brennt? Und außerdem: Fast nackt am Strand sind alle
gleich und Menschenbrüder. Die Avenida Atlântica - ein einziger
Laufsteg der Körperlust.
Blauäugige Puritaner mögen über den hemmungslosen Exhibitionismus
der Brasilianer die Nase rümpfen. Der Luxus der Armen ist ihre
Lust, und die Frauen wollen bewundert werden, mit begehrlichen Blicken
in die Augen und auf das, was man hat: einen schönen Körper.
Und die Männer natürlich auch. Schmale Hüften, breites
Kreuz und der Bizeps hart wie eine Kokosnuss: "Ai, que gatão!"
welch ein Kater! So klingt das höchste Lob aus Frauenmund: mit
"Musculação" schwer erkämpft.
