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Benedikt Descourvières
Utopie des Lesens

Literatur in Wissenschaft und Unterricht, Jg. 33 / 2000:

Die von Benedikt Descourvières vorgelegte Arbeit gehört (...) zweifellos (...) zu den besonders erfreulichen Versuchen, neue Textzugänge zu entwickeln. (Man kann) der Arbeit nur bescheinigen, dem selbstgestellten Anspruch, eine "Utopie des Lesens" zu beschreiben, gerecht geworden zu sein. Die Verbindung von Gesellschaftstheorie und strukturaler Textanalyse ist gerade in diesem Fall sehr nachvollziehbar und vielversprechend. Sie verspricht überdies eine Lösungsmöglichkeit für die bisherige Crux vieler literaturwissenschaftlicher Ansätze, sich mangels beide Seiten versöhnender Modelle bei der Einordnung literarischer Texte in Kontexte entweder für die Höherbewertung der ästhetischen Qualität oder des kritischen Potentials entscheiden zu müssen. Descourvières` Vermutung, dass sich ein solches Modell auch für den Deutschunterricht in der Schule eignen würde, kann man ohne Bedenken zustimmen. Nun bleibt zu hoffen, dass die Arbeit überhaupt wahrgenommen wird und nicht in der Flut neuer Theoriemodelle untergeht.

Fontane-Blätter 70 / 2000:

Das so genannte kritische Lesen machte insbesondere während der siebziger Jahre in literaturwissenschaftlichen und -didaktischen Arbeiten von sich reden (...); propagiert wurde ein antihermeneutisches Prinzip des 'Gegen den Strich-Lesens', das in der Praxis allerdings oft nur Bestätigungsrituale der vermeintlich unanfechtbaren ideologiekritischen Position vollzog. Für Benedikt Descourvières bewahrt das Konzept des kritischen Lesens ein noch längst nicht ausgeschöpftes Potential; insbesondere bewähre es sich bei einer Lektüre, der es um die Ermittlung dessen geht, was Texte nicht direkt sagen, sondern nur als abwesende Bedeutungsmomente indizieren. So verwandelt sich die Negativität des kritischen Lesens in das Positive einer Lektüre-Utopie, die verstehen lässt, wovon die Texte vielsagend schweigen (...). Die theoretische Basis findet Descourvières bei Louis Althussers Ideologiekonzept (...). Benedikt Descourvières` Ansatz, die Rezeption der im Text eingeschriebenen Lesart auf dem Weg der strukturalen Analyse "zum Einfallstor der Emanzipation und der kritischen Wahrnehmungserweiterung" zu entfalten, verdient Anerkennung. Die Methode zeichnet sich durch enge Arbeit am Text aus (...) und führt zu ebenso soliden wie fruchtbaren Ergebnissen. Der gesondert erhobene literaturdidaktische Anspruch lässt aufhorchen. Der Erkenntnisgewinn wird vor allem an den Übergängen von oberflächlicher zu gründlicher Lektüre greifbar (...).

Paratexte, Jg. 1, Heft 2 / 2000:

Methodologisch überträgt Descourvières die Althussersche Theorie auf die Literaturwissenschaft mit Hilfe von Algirdas Julien Greimas` "Begriff der Isotopie" (...). Interpretatorisch umgesetzt, führt dieses Verfahren zur Bildung von Merkmalslinien der dominanten Inhalte. Veranschaulicht wird dieses Verfahren vor allem an Theodor Fontanes "Effi Briest". Anhand des Klassems "fest-begrenzt" bestimmt der Verfasser die eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten der Protagonistin (...). Die mit Althusser intendierte kritische Deskription des ideologischen Diskurses in Fontanes Roman ist evident (...). Die Analyse von Horváths "Jugend ohne Gott" überzeugt, ähnlich wie die der "Effi Briest", durch die Beschränkung auf den ideologiekritischen Aspekt.

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