Lothar Bendel
Wissenswertes über Früchte
und Gemüse

Kapitel "Artischocke":

Artischocke
Cynara scolymus

Alcachofa: span., Alcharsof, Anginara: griech., Ardi schau: arab., Artichaut: frz., Artichoke: engl., Artisjok: niederl., Artycok: tschech., Carciofo: ital., Enginar: türk., Erddorn, Essdistel, Globeartichoke: engl., Speisedistel

Allgemeines, Herkunft, Geschichtliches
Die Artischocke war zwar schon um 500 v. Chr. im Alten Rom bekannt, ihre geographischen Ursprünge werden jedoch im Vorderen Orient vermutet. Als Arzneipflanze für vielerlei Wehwehchen wird dieses bis zu 2 m hohe, staudenartige Distelgewächs seit dem frühen Mittelalter (5. Jahrhundert) geschätzt, im 13. Jahrhundert gelangte das Mitglied der riesigen Korbblütlerfamilie (Asteraceae/Compositaea) schließlich auch nach Spanien, von wo aus es seinen Weg über Frankreich zu den deutschen Fürsten machte.
Artischocken werden händisch schon im Knospenstadium geerntet, da ihr begehrter 'Boden' nach der Blüte bitter, holzig und schwer verdaulich wird. Diese zeit- und arbeitsaufwändige Einbringungs-Methode rechtfertigt die relativ hohen Beschaffungskosten der Königin der Gemüse, deren tatsächlich essbarer Anteil lediglich 20% beträgt. Erwerbsmäßiger Feldanbau dieser zwar bezaubernd blühenden (von 6°°-12°°Uhr), jedoch sehr klimaabhängigen und bezüglich des Bodens überaus anspruchsvollen Staude wird in Ägypten, Algerien, Frankreich, Griechenland, Iran, Israel, Italien, Marokko, Spanien, in der Türkei und in den USA betrieben.
Ihr arabischer Name 'ardischau' für 'Erddorn' weist auf die Verwandtschaft mit Disteln hin.

Aussehen
Die Artischocke sieht aus wie ein faustgroßer, gepanzerter, länglicher oder ovaler Kiefernzapfen mit übereinander liegenden grünen bis violetten Hüllblättern. Artischocken sollten harte, fest verschlossene Köpfe mit fest anliegenden Blättern besitzen; der Stängel darf nicht zu kurz abgeschnitten und nicht zu schmächtig sein, denn er versorgt die Blütenknospe mit lebenswichtiger Feuchte. Geöffnete Artischocken-Blätter mit vertrockneten Spitzen deuten auf Überreife und Ungenießbarkeit hin.

Geschmack
Artischocken schmecken mit ihrem leicht bitter-herben Haselnuss-Sellerie-Aroma für ein 'Greenhorn' zwar recht sonderbar und gewöhnungsbedürftig, für 'alte Hasen' gelten sie jedoch als absoluter Gaumenkitzel!

Arten, Sorten
Babyartischocke/Mini-Artischocke/Powerade: Kleinwüchsige, violette Artischocken-Sorte, die noch keinen Blütenansatz gebildet hat. Sie kann in Gänze - also praktisch ohne Abfall - sowohl roh oder gekocht als auch in Marinade eingelegt verzehrt werden! Angepriesen wird sie meist nur auf mittelmeerischen Gemüse-Märkten - in Italien und Frankreich sogar schon fertig zubereitet.
Camus de Bretagne: Die bedeutendste französische Artischocken-Sorte hat eine stumpfkugelige Form.
Catanese: Schmackhafte, italienische Artischocken-Sorte mit grün-violetten Hüllblättern.
Königs-Artischocke: Großwüchsige Artischocken-Sorte aus der italienischen Toscana, die als reine Blattkultur gezielt für medizinische Zwecke gezüchtet wird, da ihre fettaktiven und verdauungsfördernden Substanzen bei Gewichtsreduktionen sehr hilfreich sind.
Prince de Bretagne: Sie hat eine eher rundliche Prägung, eng anliegende oder ziegelartig übereinander liegende Blätter und kommt aus Frankreich.
Romanesco nennt man nicht nur die bekannteste italienische Export-Artischocke, 'Romanesco' heisst ebenso eine pittoresk anmutende Blumenkohl-Abart (s.u. 'Romanesco').
Spinoso sardo: Dornige Artischocken-Sorte aus Sardinien.
Tudela: Grüne, längliche Artischocken-Sorte aus Spanien.
Violette de Palermo: Längliche, italienische Artischocken-Sorte mit spitzen, locker anliegenden, violetten Außen- und grünen Innenblättern.

Hauptinhaltsstoffe
Calcium, Cynarin, Eisen, Eiweiß, Inulin, Kalium, Kupfer, Magnesium, Mangan, Scolymosid, Phosphor, Provitamin A, Vitamin B 1, B 2, C, E.
Mit einem Ballaststoffgehalt von 11% zählen Artischocken zu den ballaststoffreichsten Gemüsen.

Verwendung, Zubereitung
Da Artischocken bemerkenswerte Appetitanreger sind, werden sie bevorzugt zu Vorspeisen verarbeitet. Zuerst wird sie gründlich gesäubert; danach schneidet man die äußeren Blattspitzen ab. Der Anschnitt und das Endstück der Artischocke werden dann mit Zitronensaft beträufelt, damit sie sich nicht unansehnlich verfärben. Nun werden die Artischocken ca. 35 Minuten in Salzwasser gegart und zwar nicht im Aluminium-, sondern im Emaille-Topf, da sich Artischocken durch Aluminium-Kontakt grau-schwarz färben. Gar sind Artischocken, wenn sich die inneren Hüllblätter leicht herausziehen lassen: Genießbar sind nur die unteren Hüllblätter und der Blütenboden (Stuhl: fachl.). Artischocken-Böden werden auch als Suppeneinlage oder in Salaten verwendet. Sogar die Artischocken-Stiele lassen sich als Suppeneinlage verwenden, sie schmecken allerdings ziemlich bitter und sollten vor dem Verzehr geschält werden.
Und so isst man gegarte Artischocken, wobei eine sogenannte 'Fingerbowle' (Schale mit warmem Wasser und Zitronenscheibe, um sich während des Essens die Fingerspitzen zu reinigen) unerlässlich ist: man zupft die Blätter einzeln ab, dippt sie in eine Sauce oder in zerlassene Butter und streift die fleischigen unteren Teile der Hüllblätter mit den Zähnen ab. Das ungenießbare, stachlige und faserige 'Heu' auf dem Artischockenboden überständiger Exemplare, aus dem sich später die Blüte entwickelt, wird sorgsam (vorzugsweise mit einem Grapefruit-Löffel) entfernt. Dieses Nachputzen des Blütenbodens nennt man fachsprachlich 'tournieren'.
Grünes Fondue nennt man in Insider-Kreisen das relativ aufwändige Artischocken-Essen.
Ein Großteil der Artischocken-Ernte dient als Grundlage für alkoholische Getränke (z.B. 'Cynar', 16 Vol.%-iger italienischer Apéritif).

Lagerung
Bis zu 4 Tage lassen sich frische Artischocken im Kühlschrank aufbewahren - vorausgesetzt, man hat sie vorher ungewaschen in ein klammes Tuch gewickelt. Gegarte Artischocken lassen sich höchstens 3 Tage aufbewahren, weil sie rasch Giftstoffe freisetzen.

Volksmedizinische Bedeutung
Artischocken haben eine entschlackende und entgiftende Wirkung auf Leber, Magen und Galle; außerdem sind sie kalorienarm, vitaminreich und appetitanregend. Sie kurbeln den Stoffwechsel an, wirken cholesterinspiegelsenkend, wenden Übelkeit und Erbrechen ab und werden sogar ärztlich bei erhöhtem Eiweiß-Anteil im Urin eingesetzt. Auch erhöhte Harnsäurewerte, Rheuma, Gicht, Blutbildung, Arteriosklerose, Blasen- und Nierenschwäche werden durch die Wirkstoffe der Artischocke positiv beeinflusst. Artischocken sind ebenso hervorragend für Diabetiker geeignet, da ihr enormer 'Inulin-Gehalt' während des Kochens zu Fruchtzucker (als Zucker-Ersatz!) umgewandelt wird.
Da Artischocken-Genuss allergische Reaktionen auslösen kann, sollten anfällige Personen auf ihren Verzehr gänzlich verzichten.

Tipp
Wahre Feinschmecker bevorzugen nur ganz leicht gesalzene und mit wenig Zitronensaft beträufelte Artischocken!

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